Ingolstadt (DK) "Wäre ich irgendwann vor der Entscheidung gestanden, dopen zu müssen, um besser zu sein, hätte ich das Radfahren aufgegeben." Klaus Hengmith vom RSC Ingolstadt weiß, was er will: "Natürlich Rennen gewinnen. Aber ich werde lieber Zehnter, bevor ich unerlaubte Mittel nehme."

Der 28-Jährige A-Klasse-Fahrer hat sich Anfang der Woche das erste Mal den ,Spiegel’ gekauft. "Nach zwei Seiten war ich schockiert und sprachlos. Natürlich wurde schon immer gemunkelt, dass im Radsport nicht alles sauber zugeht. Aber man verdrängt solche Gedanken, sagt sich immer ,hoffentlich ist es nicht wirklich so’."
Hengmith hat momentan viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Nach einem Sturz vor rund vier Wochen beim Kriterium in Günzach ist er noch krank geschrieben. Am Montag wurde der Knorpel im Knie arthroskopisch geglättet, die Schwellung im Oberschenkel ist inzwischen auch abgeklungen. "In 14 Tagen kann ich wieder mit leichtem Radtraining beginnen, das wird die beste Medizin für mich sein." Dennoch: "Die Saison ist wohl zu Ende für mich."
Vor der Operation am Knie frotzelte ein Narkosearzt: "Was soll ich Ihnen denn spritzen? Epo?" Hengmith fand es nicht zum Lachen: "Das demotiviert und tut weh." Wie im vergangenen Jahr während der Fußball-WM eine Begleiterscheinung beim Rennen in Erding: "Da haben uns die Fußball-Fans beim Vorbeifahren massiv Doping vorgeworfen." Auch in der Arbeit wird gerne gelästert: "Da fragt schon mal ein Kollege, was man denn so nimmt. Das stimmt einen dann stets nachdenklich."
Trotzdem: Genommen hat Hengmith nie etwas, "auch wenn mir das die Hälfte nicht glaubt". "Ich bin ja Amateurfahrer, ich betreibe den Sport als Hobby, als Ausgleich. Ich liebe die Natur. Da hat Doping keinen Platz." Es ärgert ihn, wenn "Fahrer ohne Aufwärmen an den Start gehen und wie auf Knopfdruck Vollgas geben können. Dann vergleicht man unwillkürlich deren Leistung mit der eigenen. Du gibst 100 Prozent, und andere bringen einfach 50 Prozent mehr."
Wohl gemerkt: Hengmith spricht vom Amateurlager! "Es gibt ein paar Fahrer, die immer unter den ersten zehn ins Ziel kommen. Da ist man sich ziemlich sicher, dass die etwas nehmen", formuliert er vorsichtig. "Manch?mal fällt auch auf, dass ein bestimmter Fahrer, der ein Jahr lang immer mit vorne war, nach einem Teamwechsel keine Leistung mehr bringt. Für mich drängt sich dann die Frage auf, ob plötzlich das Geld fehlt, um sich weiter Präparate zu kaufen. Komisch ist das schon."
Das Outing von Jörg Jaksche findet Hengmith "mutig, weil er nach Jahren des Abstreitens die Wahrheit sagt." Sauer ist Hengmith auf Jaksche nicht, eher auf Typen wie Bjarne Riis oder Jens Voigt, weil beide nach wie vor leugnen, jemals mit Doping etwas zu tun gehabt zu haben. "Enttäuscht" ist der Radsportler auch von Fahrern, "die ich persönlich kenne. Gegen Matthias Kessler bin ich früher Rennen gefahren, war zum Teil sogar schneller. Jetzt weiß ich, wie er so weit nach oben gekommen ist."
Die Tour de France verfolgt Hengmith trotz aller Skandale. "Dazu bin ich zu sehr Radsportler. Obwohl ich schon heute weiß, dass auch diese Tour nicht sauber sein wird."Von Oliver Konze